Callejon

Ende neu: Wenn am 28.07.2017 das neue und siebte CALLEJON-Album erscheint, wird nichts mehr so sein wie es mal war. „Fandigo“ ist anders als alles, was CALLEJON bislang gemacht haben und zeigt die Düsseldorfer auf dem Höhepunkt ihrer kreativen Entwicklung – ein Meilenstein.
Zunächst sollten wir für einen kurzen Moment alles vergessen, was CALLEJON sind und jemals waren. Die erstaunliche Geschichte vom Metalcore-Flaggschiff aus dem Rheinland, das sich seit seiner Gründung im Jahre 2002 mit immer besseren Alben und gleichzeitigem Verzicht auf Genre-Scheuklappen kontinuierlich an die Spitze navigiert hat: bitte ebenso vergessen wie die CALLEJON-Kooperationen mit Bela B und K.I.Z. – oder die David-Cronenberg- und Zombiefilm-Bezüge in dieser Musik.
Stattdessen: einfach mal zuhören, am besten aufmerksam. Das siebte CALLEJON-Album „Fandigo“ beginnt mit „Der Riss in uns“: wabernde Eighties-Synthesizerflächen, sanft hingetupfte Flanger-Gitarren, eine Sprachcomputerstimme über die Überflüssigkeit eines Gottes für das Entstehen des Universums – und dann singt Bastian „BastiBasti“ Sobtzick folgenden Satz: „Das Wasser, in dem ich liege, ist schon lange kalt.“
Es ist ein Satz, der für dieses Album symptomatisch ist, denn CALLEJON sind auf „Fandigo“ auf maximal positive Weise kaum wiederzuerkennen. Die Phrase von der musikalischen Neuerfindung wird ja viel zu oft verwendet und ist meistens gelogen. Hier aber greift sie einmal: Die CALLEJON von 2017 sind tatsächlich nicht mehr die Band, die wir vorher kannten. Weil sie Wagnisse eingegangen sind, sich geöffnet und in Frage gestellt haben – und in einem kräftezehrenden zweijährigen Prozess zu sich selbst und zu einer neuen musikalischen Sprache gefunden haben.
Und weil es ohne Geschichte keinen Kontext gäbe und ohne Kontext kein derart überragendes Album wie „Fandigo“, blicken wir nun doch kurz zurück: Vor zwei Jahren hatten CALLEJON ihr bislang letztes Album „Wir sind Angst“ veröffentlicht. „Damals ging es um die blanke Wut“, sagt BastiBasti. „Wir hatten uns die Frage gestellt, was Angst mit der Gesellschaft macht. Wie wir heute sehen: sie zerfällt. Das hat uns damals so wütend gemacht, dass wir dieses Gefühl komplett zugespitzt haben: Wir sind scheiße, ihr seid scheiße, alles ist scheiße.“
Keine Frage, Angst ist die zentrale Triebfeder der maßgeblichen Entwicklungen der vergangenen Jahre. Ohne Angst kein Rechtsruck, kein Brexit, kein Trump. Aber die Kritik an diesen Zuständen derart plakativ auf die Spitze zu treiben, wie CALLEJON es damals getan haben – das funktioniert nur einmal. „Vor drei Jahren haben wir gedacht: Wenn das und das wirklich passieren sollte, ist alles am Arsch“, sagt BastiBasti. „Heute muss man leider sagen: Diese Dinge sind alle passiert und wir sind wirklich ziemlich am Arsch.“ Für diese Situation mussten CALLEJON ein neues Narrativ finden.
„Wir können und wollen vor diesem Hintergrund keine Partymucke schreiben“, sagt BastiBasti. Hinzu kommt die Tatsache, dass ein musikalischer Weg – sei er noch so originell – immer nur einige Jahre lang trägt. Danach läuft man Gefahr, sich zu wiederholen. Das haben CALLEJON verstanden. „Wir waren ein bisschen gelangweilt von uns selbst“, sagt BastiBasti. „Also haben wir uns Fragen gestellt: Wer sind wir, wollen wir weiter die harte Metalcore-Band sein, haben wir überhaupt noch etwas zu sagen?“
Die Antwort fanden Sobtzick und die Kollegen Thorsten Becker (Bass), Bernhard Horn (Gitarre), Christoph „Kotsche“ Koterzina (Gitarre) und Maximilian „Kotze“ Kotzmann (Schlagzeug) unter anderem in der Musik von The Cure, Depeche Mode und von Morrissey. Allerdings finden sich diese Einflüsse auf „Fandigo“ nicht als Zitate wieder, sie lassen sich nicht ohne Weiteres identifizieren. Sondern sie führen in einem synergetischen Zusammenspiel mit den klassischen CALLEJON-Tugenden zu einer nicht nur für diese Band gänzlich neuen und aufregenden Musiksprache.
Und das liegt daran, dass CALLEJON hier Welten zusammenbringen, die im sonstigen Leben strikt voneinander getrennt sind. Die Band arbeitet mit atmosphärischen Flächen, Laut-leise-Dynamik, mitreißender Melodik, sie besinnt sich mehr als je zuvor auf klassisches Songwriting. Über 15 Jahre haben CALLEJON eine so starke Signatur entwickelt, dass die eigene Geschichte auf „Fandigo“ immer noch der größte Einfluss ist. Aber der Schub und die geballte Power, das Growling, Screaming und Shouting, das es in dieser Musik natürlich weiterhin gibt, werden nun dosierter, pointierter – und somit weitaus wirkungsvoller eingesetzt.
Um an diesen Punkt zu kommen, haben CALLEJON sich zwei Jahre in ihr Headquarter zurückgezogen. Zwei Etagen, ein Büro, ein Fotoatelier, ein eigenes Studio: hier entwirft die DYI-Band CALLEJON Ideen und Konzepte für Musik, Videos, Artworks, alles kommt bei ihnen aus einer Hand. Und weil sie so genau wussten, was sie wollten, haben sie für „Fandigo“ bewusst auf einen Produzenten verzichtet und erstmals alles selbst gemacht. Fremde Ohren haben sie erst ganz zum Schluss zugelassen. Als im Prinzip bereits alles fertig war, übernahm Moritz Enders (Kraftklub u.a.) den Mix.
VÖ: 28.07.2017
Zwei Jahre sind eine lange Zeit, aber Zweifel hatten CALLEJON auf diesem Weg nicht. „Ich bin besessen“, sagt BastiBasti lachend. „Wenn ich an einer Sache arbeite, haue ich so lange immer wieder mit dem Hammer drauf, bis es geil ist. Und wenn es nicht geil ist, werfe ich es weg.“ So spielten die Musiker sich in einen wahren Rausch: „Die Produktion hat mich an die Anfangszeit von CALLEJON erinnert, wo alles so neu und aufregend war. Ich konnte teilweise nachts nicht schlafen, weil ich so aufgeregt war und alles so geil fand, was wir machen. Dieses Gefühl hatten wir schon lange nicht mehr.“
Keine Missverständnisse: CALLEJON haben sich auf „Fandigo“ keineswegs beruhigt. Aber sie setzen ihre Wut zielgerichteter ein und lassen auch andere Gefühle zu. „Fandigo“ ist in Teilen introspektiver, ruhiger. Und CALLEJON sind schlau genug, keine Handlungsanleitungen zu geben. „Fandigo“ ist eine Bestandsaufnahme, eine Beobachtung. Immer getrieben von der zentralen Frage: Wie fühle ich mich jetzt und hier, was macht das mit mir?
So wendet sich zum Beispiel „Das gelebte Nichts“ gegen den ständigen Selbstoptimierungszwang in neoliberalen Zeiten, der zuletzt auch in der Popkultur auf breiter Ebene Einzug gehalten hat. „Stattdessen im Radio dieses eine Lied, das mir erzählen will, wie gut wir doch alle sind“, singt BastiBasti. Er erkennt: Das ständige Hinterherrennen, der Kampf um das Erreichen vermeintlicher Ideale, also schöner, schlauer, erfolgreicher zu werden, macht uns nicht glücklicher, sondern unglücklicher. CALLEJON aber geht es um eine Heilung aus sich selbst heraus. Das mag esoterisch klingen, die Musik auf „Fandigo“ tut es zum Glück nicht.
Als BastiBasti die Texte geschrieben hat, nahm er bewusst Abstand von zugespitzten Situationsbeschreibungen. Es ging ihm um Poesie, die Raum für Interpretationen lässt. „Fandigo Umami“ zum Beispiel – der Titel ein Neologismus aus den Worten Fan und Wendigo – behandelt die Geschichte eines Extrem-Fans, der sein Idol so sehr verinnerlicht hat, dass er es schließlich verspeist. Wir haben es hier also mit einer Kannibalengeschichte zu tun. Der Wendigo ist eine mythologische Gestalt aus der Sagenwelt verschiedener Indianervölker und grob vergleichbar mit dem europäischen Werwolf: Wer Menschenfleisch isst, so glaubten zum Beispiel die Cree, werde automatisch zu einem Wendigo und sei für immer verdammt.
Es ist nun alles andere als ein Zufall, dass das Album, um das es hier geht, „Fandigo“ heißt. Denn die totale Hingabe jenes Fans aus dem Song kann man natürlich auch als eine Metapher für die tiefe Leidenschaft der Band CALLEJON verstehen, die hier jede Note durchdringt. Auch auf diesem Album fließen Liebe, Einsamkeit und Irrsinn zusammen. So etwa auf der ersten Single „Utopia“, die einen Drogentrip als die Suche nach dem idealen Sehnsuchtsort beschreibt.
Nicht zuletzt geht es auf „Fandigo“ um Vergänglichkeit. „Erwachsen sein, um alt zu werden, ist immer noch nicht leicht“, singt BastiBasti in „Noch einmal“, einer weiteren Single. Der Song ist eine Hymne auf den jugendlichen Leichtsinn, den die meisten von uns irgendwo auf dem Weg zum Erwachsensein hinter sich lassen. Es geht auch hier um eine Befreiung vom funktionalen Alltag, um ein Bekenntnis zu gelegentlicher Unvernunft und zu einem intuitiven, emotionalen Erleben des Augenblicks. „Betrunken von der Hitze will ich mit dir im Regen untergehen“, singt BastiBasti. Vordergründig geht es um ein Festivalerlebnis, aber tatsächlich lässt sich das auf alle Situationen im Leben übertragen: Die äußeren Umstände sind bedeutungslos, so lange wir uns gestatten, die Dinge zu nehmen wie sie sind.
Das Besondere an „Fandigo“ ist nun, dass CALLEJON hier unter anderem zeigen, wie aufregend es sein kann, sich gegen eine Laufbahn als Metal-Berufsjugendliche zu entscheiden – und für Weiterentwicklung und Reife. Eben weil sie die Dinge so nehmen, wie sie sind. Oder anders gesagt: Was das sogenannte schwarze Album für Metallica war und „The Black Parade“ für My Chemical Romance, das ist „Fandigo“ für CALLEJON: das eine Album, das alles verändert. Danach wird nichts mehr so sein wie es war – und das ist gut so.

Members
BastiBasti (Vocals)
Bernhard Horn (Guitars)
Christoph "Kotsche" Koterzina (Guitars)
Thorsten Becker (Bass)
Max "Kotze" Kotzmann (Drums)

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